Statue der Venus von Milo und Schwarz-Weiß-Foto von Joey Solomon.

Zu sehen ein Bild im Querformat. Es ist eine Collage, die aus zwei Motiven zusammengesetzt ist. Ganz links befindet sich die Fotografie einer Statue der Venus von Milo. Blick und Körperhaltung sind zur Mitte hin ausgerichtet. Die weiße Figur steht im Kontrast zu dem pinkfarbenen vertikalen Streifen im Hintergrund. Rechts von dieser Figur ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf dem der Künstler Joey Solomon zu sehen ist. Er befindet sich in einem Schlafsaal und lehnt sich zurück in die Arme eines anderen weißen Mannes, Andy Coombs, der in einem Rollstuhl sitzt und seine Beine auf dem Bett vor ihm abstützt. Andy blickt über seine Schulter liebevoll auf ihn herab und Joey schaut uns direkt an, während die Venus ihn von der Seite beobachtet.

„Venus de Milo (Aphrodite von Melos),” ca. 150 - 125 BC, Wikimedia Commons, CC-BY;
„Self Portrait with Robert Andy Coombs in My Dorm Room (Selbstporträt mit Robert Andy Coombs im meinem Student*innenwohnheim),” Ausschnitt, 2019, © Joey Solomon, Manhattan, New York

Queering the Crip,
Cripping the Queer

Eine Ausstellung zu Geschichte, Kultur und Aktivismus von Queerness & Behinderung

2. September 2022 — 30. Januar 2023

Schwules Museum

„Queering the Crip, Cripping the Queer“ ist die erste internationale Ausstellung, die die vielfältigen historischen, kulturellen und politischen Intersektionen von Queerness und Behinderung erforscht. Die Ausstellung zeigt Arbeiten von über 20 internationalen zeitgenössischen Künstler*innen, die sich mit den historischen Themen und Objekten der Ausstellung auseinandersetzen. Weiter zu sehen ist eine Auswahl aus der Sammlung Prinzhorn mit Arbeiten von Künstler*innen, die psychiatrisiert waren. Vorgestellt werden auch die großen Ikonen der queeren/behinderten Kunst: Lorenza Böttner, Raimund Hoghe und Audre Lorde.

Die Ausstellung findet in Kooperation mit den Sophiensælen statt, die beim gleichnamigen Performancefestival vom 09. – 17. September erstmals in Deutschland Arbeiten internationaler queerer/behinderter Künstler*innen zusammen auf die Bühne bringen. Doch nicht nur Titel und Thema verbinden die Sophiensæle und das Schwule Museum: So sind Arbeiten von Quiplash, Anajara Amarante, Pelenakeke Brown und Sindri Runudde sowohl im Performancefestival als auch in der Ausstellung vertreten.

Auf dieser Webseite finden Sie einige ausgewählte Highlights aus jedem Kapitel der Ausstellung, um Ihnen eine Idee zu geben, was Sie in der Schau erwartet.

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DGS-Video von Rita Mazza. Mit freundlicher Genehmigung Rita Mazza und Schwules Museum Berlin
Ein Video von Rita Mazza, einer italienischen Choreografin und Tänzerin mit schulterlangen braunen Haaren, die ein braun-weiß gemustertes Hemd trägt, am Fenster eines Cafés sitzt und uns in deutscher Gebärdensprache einlädt, die Ausstellung "Queering the Crip, Cripping the Queer" im Schwulen Museum Berlin zu besuchen, die am 1. September eröffnet wird und bis zum 30. Januar 2023 läuft. Rita erzählt uns, dass es einen Videoguide in Deutscher Gebärdensprache und andere barrierefreie Angebote geben wird. Und sie sagt: “Kommt und seht euch meine Arbeit und die von über 20 anderen gehörlosen und behinderten queeren Künstler*nnen an."

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unvollkommener Kreis Logo
Eine Kreisform, die auf der unteren rechten Seite leicht nach innen gekrümmt und auf der oberen linken Seite nach innen gedrückt wurde, als ob jemand diese Seite sanft mit dem Daumen gedrückt hätte. Der Kreis ist zweidimensional und flach, hat aber ein schwarz-weißes Oberflächenmuster, das dem Muster aus Marmor ähnelt. Ähnliche unvollkommene Kreise wiederholen sich im Hintergrund unten.

Einführung

Die Disability Studies Forscherin Carrie Sandahl, die den Titel der Ausstellung erfunden hat, schreibt: „Sexuelle Minderheiten und Menschen mit Behinderungen teilen eine Geschichte der Ungerechtigkeit: Beide wurden von der Medizin pathologisiert, von der Religion verteufelt, bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungswesen diskriminiert, in der Repräsentation stereotypisiert, von Hassgruppen zum Opfer gemacht und gesellschaftlich isoliert, oft in ihren Herkunftsfamilien.“ Die Geschichten von Behinderten und Queers verlaufen ähnlich, wenn auch nicht immer parallel. Queers und Behinderte finden sich manchmal mit der Fantasie des „idealen Körpers“ ab. Queere/behinderte Künstler*innen stellen sich meistens dagegen. Die Ausstellung wird maßgeblich von queeren/behinderten Menschen kuratiert; die ausgestellten zeitgenössischen Künstler*innen bezeichnen sich größtenteils selbst als behindert und queer. Sandahl betont: „Diejenigen, die beide Identitäten für sich beanspruchen, können ihre Verbindungen wohl am besten beleuchten und herausfinden, wo sich Queer und Crip überschneiden, voneinander abspalten und wieder zusammenlaufen.“

Künstler*innen:

und und aus der Sammlung Prinzhorn: und

Kuration: Birgit Bosold, Kenny Fries
Kuratorische Mitarbeit & Konzept Accessibility: Kate Brehme
Wissenschaftliche Mitarbeit: Sydney Ramirez

„Der ideale Körper“

Der „ideale Körper“ – symmetrisch, von der Gesellschaft als schön angesehen – ist eine Fantasie, die oft zu Stigmatisierung, Selbstzerstörung und Verzweiflung führt. So sehr dieses „Ideal” inspirieren mag, so sehr schadet es auch, denn wer kann ihm schon gerecht werden? Gleichzeitig mit der Verbreitung dieses „Ideals” stigmatisierten die Griechen auch diejenigen, deren Körper ihm nicht entsprachen. Diese Ausgegrenzten werden in der Geschichte nicht oft repräsentiert und wenn, dann ist nicht viel darüber bekannt, wie ihr Leben tatsächlich aussah. Stattdessen symbolisiert die Blindheit in griechischen Mythen, etwa die von Tiresias in der Geschichte des Ödipus, oft die Gabe der Prophezeiung und „tieferes Wissen“. Metaphern und Charaktere wie blinde Propheten sind auch in anderen Kulturen weit verbreitet. Die biwa hōshi, die blinden Priestersänger, die im alten Japan umherzogen, waren maßgeblich an der Entwicklung der modernen japanischen Sprache beteiligt, waren aber gleichzeitig mit anderen blinden Menschen in eine sanktionierte Kaste verbannt.

Griechische Schönheiten

Abbildung der griechischen Statue Venus de Milo auf der linken Seite und des Torso der Doryphorosstatue mit Kopf auf der rechten Seite

Die ausdruckslos sich gegenüberstehenden Statuen sind aus weißem Marmor gefertigt und zeigen die Venus De Milo und den Torso des Doryphoros. Beiden fehlen beide Arme. Der Venus fehlt der rechte Arm direkt unter der Schulter und der rechte Arm direkt auf der Schulter. Der linke Arm des Torso von Doryphoros Arm fehlt unterhalb der Schulter, während auf der rechten Seite auch ein Stück der Schulter fehlt. Ein dünner Riss schlängelt sich um seinen Hals und droht ihn zu enthaupten. Venus de Milo hat langes, welliges Haar, das am Hinterkopf zu einem losen Dutt zusammengebunden ist. Ihre Haut ist größtenteils glatt, weist aber Beschädigungen des Marmors wie Absplitterungen und Dellen auf. Ihre festen runden Brüste streben leicht nach oben und ihre Hüften sind von einem locker umgewickeltes Tuch umschlungen, das ihre Schamhaare und Vulva verbirgt. Der Torso von Doryphoros ist ähnlich im Stil, die Figur hat ebenfalls gewelltes Haar, kurz geschnitten im Nacken und an den Ohren. Die Haut ist glatt und die Muskeln sind klar definiert. Der Torso ist nackt, so dass die Schamhaare und der obere Teil des Penis zu sehen sind.
Unbekannte*r Künstler*in, Venus von Milo, ca. 150 – 125 BC, Gipsabguss,
Foto: Abguss-Sammlung Antiker Plastik. Mit freundlicher Genehmigung der Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Freie Universität Berlin.
Unbekannte*r Künstler*in, Torso der Doryphorosstatue mit Kopf, undatiert, Gipsabguss,
Foto: Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Freie Universität Berlin.
Mit freundlicher Genehmigung der Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Freie Universität Berlin

Der Disability Studies Experte Lennard J. Davis schreibt über die Venus von Milo: „Sie hat weder Arme noch Hände; der Stumpf ihres rechten Oberarms reicht gerade bis zu ihrer Brust. Ihr linker Arm wurde abgetrennt und ihr Gesicht war stark beschädigt, ihre Nasenspitze fehlte, ebenso wie ihre Unterlippe. Zum Glück wurde ihr Gesicht restauriert, und die Verstümmelungen sind nur als kleine Narben aus der Nähe sichtbar. Die große Zehe ihres rechten Fußes wurde abgeschnitten, und auch ihr Oberkörper ist mit Narben übersät: eine besonders große zwischen den Schulterblättern, eine auf der Schulter und eine auf der Spitze ihrer Brust, wo die linke Brustwarze herausgerissen wurde. Dennoch gilt sie als eine der schönsten Frauengestalten der Welt.“ Der „ideale Körper“ griechischer Skulpturen hat unsere Vorstellung Schönheit, Männlichkeit und Weiblichkeit in hohem Maße beeinflusst. Dieses „Ideal” taucht im Laufe der Geschichte immer wieder auf, als Mittel der Inspiration, aber auch der Unterdrückung.

Stigma

ΣΤΙΓΜΑ

Das Wort Stigma in griechischen Buchstaben

Das Wort Stigma leitet sich von dem griechischen Verb für „markieren“ oder „brandmarken“ ab. Erving Goffman schreibt in seinem Buch Stigma: „Die Griechen, die offenbar Anschaulichkeit schätzten, schufen den Begriff Stigma für körperliche Zeichen, die etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand eines Menschen markieren sollten. Die Zeichen wurden in den Körper geschnitten oder gebrannt und taten öffentlich kund, dass die Person Sklavin oder Sklave war bzw. ein Verbrechen oder einen Verrat begangen hatte. Es handelte sich also um eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte, vor allem auf öffentlichen Plätzen. Später, in christlichen Zeiten, wurden dem Begriff noch zwei metaphorische Inhalte hinzugefügt: Der erste verwies auf körperliche Zeichen göttlicher Gnade, blumenförmige Wunden, die auf der Haut aufbrachen; der zweite, eine medizinische Ableitung dieser religiösen Bedeutung, bezog sich auf körperliche Zeichen einer physischen Störung oder Erkrankung. Heute wird der Begriff meist in seinem ursprünglichen wörtlichen Sinn gebraucht, aber eher im Hinblick auf die Schande selbst als auf den körperlichen Nachweis.“

Heilige und Sünder*innen

Im Mittelalter galten Behinderungen entweder als Strafe Gottes, als Teufelswerk oder als besondere Auszeichnung. Menschen mit Behinderung waren auf Almosen angewiesen, und ihr Leben war oft von Ausgrenzung und extremer Armut geprägt. Die Hospitalisierung von Menschen mit Behinderung begann. Die Londoner Anstalt Bethlem für „Verrückte“ wurde 1247 gegründet. Bethlem war im Volksmund als Bedlam bekannt, was zur Abkürzung für Chaos und Verwirrung wurde. In manchen buddhistischen Lehren wird Behinderung als Folge des Karmas aus einem früheren Leben verstanden. Gleichgeschlechtliches Begehren galt im christlichen Einflussbereich als Sünde. Seit dem späten Mittelalter wurden gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen als „Sodomie“ mit dem Tod bestraft: Im Gegensatz zu späteren Zeiten galt dies für beide Geschlechter. Der Mangel an historischen Quellen macht es unmöglich, zu schätzen, wie viele Menschen hingerichtet wurden.

Claire Cunningham

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Während Claire spricht, laufen im Hintergrund Ausschnitte ihrer Tanzperformance. Einige zeigen, wie sie auf einer dunklen, von einem Scheinwerfer beleuchteten Theaterbühne ihr gesamtes Körpergewicht auf ihre beiden Krücken stützt, während die Kamera auf ihre Füße zoomt, die anmutig in der Luft schwingen, sich ihr Oberkörper auf ihre Krücken stützt und ihre Hände ihr Gewicht auf der Bühne tragen. Andere Ausschnitte zeigen, wie sie sich schnell bewegt, sich mit ihren Krücken von einer sitzenden Position in eine kniende Position erhebt und dann immer wieder zusammenbricht. Schließlich zeigt das Video sie in einer stehenden Position, wie sie sich mit ihren Krücken nach oben hin und her schwingt und sich für immer längere Zeit in der Luft hält, während sie die Worte zu einer Oper spricht, die im Hintergrund spielt. Das Video endet mit einer Sequenz, in der sie sich auszieht und zitternd ohne Hilfe ihrer Krücken dasteht.
Interview mit Ausschnitten aus Give Me a Reason to Live (Gib mir einen Grund zum Leben), 2016, geschaffen und aufgeführt von Claire Cunningham, Video: 4:26, Lichtdesign: Karsten Tinapp, Sounddesign: Zoë Irvine, Cello: Matthias Herrmann, Video mit freundlicher Genehmigung des Perth Festivals, Westaustralien

Claire Cunningham kreiert und realisiert multidisziplinäre Performances. Gib mir einen Grund zum Leben entstand im Rahmen des Projekts Bosch500: Zusammen mit vier anderen europäischen Choreograph*innen wurde Cunningham anlässlich des 500. Todestages des Malers Hieronymus Bosch (1450–1516) eingeladen. In diesem Interview, das auch Ausschnitte aus der Performance beim Perth International Arts Festival 2016 enthält, erzählt Cunningham, ihr sei „ein Blatt mit Skizzen von Bettlern und Krüppeln gezeigt worden… alle Bettler sind Krüppel, alle Krüppel sind Bettler… als Bettler und Spielleute aufzutreten war [für Behinderte] die einzige Möglichkeit, zu überleben.“ Cunningham habe auch die kunstwissenschaftliche These gehört, die behinderten Bettler könnten die Sünde symbolisieren. Das Stück wirft Fragen auf wie: „Wie ist es, ausgestoßen zu werden?… Wann steht eine gebückte Haltung für Unterdrückung und wann für Reue, was in einem christlichen Kontext als gut gelten würde?“ Letztlich fragt Cunningham in diesem Werk: „Wie fühlt es sich an, an etwas zu glauben?“

Die Macht der Bilder

In der Kunst der Renaissance erstand das griechische „Ideal” wieder auf; zugleich wurde die Physiognomie-Lehre vorherrschend. Physiognomie setzt sich aus den griechischen Wörtern für „Natur“ und „bestimmen/richten“ zusammen und steht für die Vorstellung, dass man den Charakter eines Menschen anhand seiner äußeren Erscheinung beurteilen kann. Ein berühmtes Beispiel ist Shakespeares Richard III. Seine Behinderung war im wirklichen Leben nicht extrem, dennoch wurde er zu einem Symbol des Bösen. In der Kunst wurden idealisierte Körper gefeiert, während behinderte Menschen als Objekte der Faszination, der wissenschaftlichen Forschung oder als Witzfiguren dargestellt wurden. Auch heute noch regiert die Physiognomie: Bösewichte in Filmen sind zum Beispiel oft behindert. Die Disability Studies Forscherin Vicki Lewis schreibt: „Man denke nur an die Leichtigkeit, mit der Gut versus Böse durch das Hinzufügen eines Hakens, eines Holzbeins oder einer Augenklappe dargestellt werden können. In Einführungsbüchern zum Drehbuchschreiben wird angehenden Autor*innen sogar empfohlen, ihrem Bösewicht ein Hinken oder eine amputierte Gliedmaße zu verpassen.“ Aber heute gibt es auch eine authentischere Gegenerzählung: queere behinderte Künstler*innen feiern ihre Körper und ihr Leben.

Riva Lehrer

Ein Abbildung eines Gemäldes, ein Selbstporträt der Künstlerin Riva Lehrer.

In herrlich satten Farben wird Riva dargestellt, wie sie bis zur Hüfte in einen See watet, umgeben von Schilf, während um sie herum Regen fällt. Das grüne Wasser um sie herum wirbelt und kräuselt sich von Rivas Körper und den Regentropfen, die auf das Wasser treffen. Sie ist von uns abgewandt, ihre Oberbekleidung hat eine goldene Farbe, ist hinten geöffnet und ist um ihren rechten Arm und ihre Hüften herum drapiert. Ihr Rücken steht im Mittelpunkt des Bildes. In fleischfarbigen Rot-, Rosa- und Orange-Tönen sehen wir, wie er sich nach rechts krümmt und an ihrem rechten Schulterblatt nach außen ragt. Das Regenwasser läuft in sich schlängelnden Fäden über ihren Rücken, über etwas, das wie Narbengewebe aussieht, über Muskeln, über Knochen. Rivas Arme sind nach hinten ausgestreckt, scheinbar um das Gleichgewicht zu halten, während sie durch das Wasser von uns weggleitet, ihre Hände sind verwittert und greifen nach oben in Richtung der fallenden Regentropfen die sich dort angesammelt haben. Ihr Gesicht ist nach links gedreht und wir sehen ihren ruhigen Gesichtsausdruck. Die Seite ihrer linken Brüste ist ebenfalls freigelegt und, wie ihr Gesicht, sanft von einem Lichtstrahl beleuchtet.
Riva Lehrer, 66 Degrees (Selbstporträt), 2019, Acryl auf Holz. Mit freundlicher Genehmigung von Larry Gerber

Die Künstlerin und Autorin Riva Lehrer beschäftigt sich mit stigmatisierten, sozial benachteiligten Körpern. 1997 begann Lehrer mit Kreisgeschichten, einer Serie von Porträts behinderter Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, die sich in ihrer Arbeit mit Körperthemen auseinandersetzen. Sie sagt: „Der Rollstuhl mit seiner Kreisform ist das nahezu universelle Symbol für Behinderung. Das Rad verwandelt einen Stuhl, einen denkbar gewöhnlichen Gegenstand, in ein Zeichen körperlicher und sozialer Differenz. Kreisgeschichten belegt die Existenz einer Gemeinschaft von behinderten Pionier*innen , die im 21. Jahrhundert dazu beitrugen, Behinderung neu zu definieren.“ In Lehrers Selbstporträt 66 Grad wird die Behinderung als Teil der Natur gezeigt und nicht versteckt.

„Perfektionierung...”

Die Aufklärung brachte zwei große Neuerungen: Die Idee von Freiheit und Gleichheit aller Menschen und die Vorstellung, dass die Vernunft Maßstab des gesellschaftlichen und persönlichen Handelns sein soll, dass wissenschaftliche Rationalität alle gesellschaftlichen Probleme lösen und damit die Gesellschaft perfektionieren und eine ideale Gesellschaft schaffen könnte. Beide Konzepte waren paradox, hatten doch die allermeisten Menschen kaum Rechte und wurden als nicht fähig erachtet, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Der Autor Jamelle Bouie schreibt: „Im Kern enthielt die Bewegung ein Paradoxon: Ideen von menschlicher Freiheit und individuellen Rechten schlugen Wurzeln in den Nationen, die andere Menschen in Knechtschaft hielten und schließlich die einheimischen Bevölkerungen nahezu ausrotteten. Koloniale Herrschaft und Enteignung gingen Hand in Hand mit der Ausbreitung der ‚Freiheit‘, und der Liberalismus entstand parallel zum modernen Begriff von race und Rassismus.“ Heute sind wir immer noch in das Paradoxon der Aufklärung verstrickt und wir ringen darum, die Gesellschaft auf der Grundlage weniger exklusiver Ideen zu verbessern.

Pelenakeke Brown

Zwei Abbildungen von Drucken der Künstlerin Pelenakeke Brown mit den Titeln 'her return' und 'she revealed' Zwei Abbildungen von Drucken der Künstlerin Pelenakeke Brown mit den Titeln 'her return' und 'she revealed'

In "her return" sehen wir einen schwarzen Text auf weißem Hintergrund in Kleinbuchstaben. Der Titel steht oben in der Mitte der Seite, und die unteren zwei Drittel der Seite nimmt ein Textabschnitt ein, der mit schwarzem Marker geschwärzt wurde, so dass der Großteil des darunter liegenden Textes unleserlich ist. Fünf Wörter wurden an verschiedenen Stellen des Absatzes ausgewählt und unmarkiert gelassen. Zusammen bilden sie einen neuen Satz, der lautet: "Sie kehrt zurück, um zu sprechen." In "she revealed" sehen wir in der gleichen Schriftart den Titel, der oben in der Mitte der Seite steht. In der unteren Hälfte der Seite sehen wir einen großen Textabschnitt, der wiederum mit schwarzem Marker geschwärzt wurde. Mehrere Wörter wurden an verschiedenen Stellen ausgewählt und bilden zusammen neue Sätze: "Sie zeigte eine ausgeprägte Vorliebe, die der linke Griff halten würde. Verlängern Sie das gebeugte Handgelenk. Ganz ungewöhnlich keinen linken Arm zu bringen. Es war Widerstand. Ihr Widerstand wurde sichtbar.
Pelenakeke Brown, Prints von grasp + release, 2019. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pelenakeke Brown ist eine interdisziplinäre samoanische/Pākehā-Künstlerin. Ihr Werk umfasst bildende Kunst, Literatur und Performance. Die Drucke grasp + release sind entstanden, nachdem sie 2018 ihre Krankenakte erhalten hatte. Brown beschreibt diese Arbeiten als „Fragmente einer Ausgrabung“. „Diese Informationen über mich selbst anzufordern, fühlte sich subversiv an“, sagt sie. „Ich habe Tanzpartituren aus meiner Akte erstellt, um einen Zugang zum Text zu finden. Um da einzubrechen. Diese Worte in Besitz zu nehmen. Worte, die meist fremde, kalte medizinische Begriffe waren, mit gelegentlichen überraschenden Einblicken in die beteiligten Menschen, das kleine Mädchen, ihre (meine) schöne Mutter und ihren schwierigen Weg.“ Eingriffe zur Linderung oder Heilung von Behinderungen sind üblich, manchmal notwendig und hilfreich, manchmal aber auch schädlich. In grasp + release macht Brown sich ihren Körper wieder zu eigen wie auch die Texte, die über ihren Körper geschrieben wurden.

„Normalität/Normalisierung" forcieren/widerstehen

Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann die Medizin zunehmend an Macht. Methoden wurden eingesetzt, um Menschen zu vermessen und „Normen“ und „Normalität“ zu definieren. Die Begriffe „Homosexualität“ und „Behinderung“ hielten Einzug ins Lexikon; gleichgeschlechtliches Begehren, geschlechtliche Non-Konformität und Behinderung wurden von Merkmalen zu Identitäten, was sowohl zur Bildung von Communities als auch zu Stigmatisierung führte. Die „wissenschaftlichen“ Bemühungen wurden intensiviert. Die Eugenik popularisierte ein neues System von Konzepten und Praktiken zur „Verbesserung“ der Gesellschaft. Menschen wurden als Träger*innen „erwünschter" oder „unerwünschter” vererbter Eigenschaften klassifiziert. Das Fortpflanzungs- und Sexualverhalten sollte so gesteuert werden, dass „unerwünschte“ Eigenschaften durch die Verhinderung der Fortpflanzung „ausgezüchtet“ werden. Gleichzeitig entstanden aber auch neue Bewegungen, die sich gegen diese Unterdrückung auflehnten. Behinderte und queere Menschen und Feminist*innen kämpften für gleiche Rechte sowie sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung.

“Ugly laws” und Paragraph 175

Es ist verboten, dass eine Person, die krank, verstümmelt oder in irgendeiner Weise so verunstaltet ist, dass sie einen unansehnlichen oder ekelerregenden Gegenstand darstellt, sich öffentlich zur Schau stellt.

Verordnung der Stadt Chicago von 1881
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Paragraph 57a
Der Wandergewerbeschein ist in der Regel zu versagen
1. Wenn der Nachsuchende noch nicht großjährig ist;
2. Wenn er blind, taub oder stumm ist, oder an Geistesschwäche leidet.*

* Grund dieser Vorschrift ist, dass körperliche oder geistige Gebrechen nicht zum Deckmantel der Bettelei missbraucht, und das diese gebrechlichen Personen keinen Gefahren ausgesetzt werden sollen. Wenn in beiden Beziehungen die Bedenken aus besonderen Gründen ausgeschlossen sind, kann der Wandergewerbeschein erteilt werden.

Gewerbeordnung für das Deutsche Reich, Erlass vom 1. Juni 1891
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Paragraph 175
Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.

Reichsstrafgesetzbuch 1871

Bereits 1729 schlossen in England die sogenannten „ugly laws“ („Gesetze über Hässlichkeit“ – aus heutiger Sicht auch als „hässliche Gesetze“ übersetzbar) behinderte Menschen aus der Öffentlichkeit aus. In den USA wurde das erste derartige Gesetz 1867 in San Francisco erlassen. Diese Gesetze richteten sich nicht nur gegen Behinderte, sondern auch gegen Bettler*innen. In Berlin verbannte ein Gesetz aus dem Jahr 1871 Hausierer*innen, die „in abstoßender Weise entstellt“ waren, aus der Öffentlichkeit. Das letzte „ugly law“ in den Vereinigten Staaten wurde 1974 aufgehoben. 1871 wurde der Paragraph 175 in das deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen, der männliche homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Schätzungsweise 140.000 Männer wurden nach diesem Gesetz verurteilt, das erst 1994 vollständig aufgehoben wurde. Solche Anti-Sodomie-Gesetze wurden vorgeblich erlassen, um jüngere Männer vor sexueller Belästigung durch ältere Männer zu schützen. Wie viele Fälle zeigen, ging es aber darum, kein öffentliches Ärgernis zu erregen, dieselbe Idee, die auch den "hässlichen Gesetzen" zugrunde liegt.

Steven Solbrig

Zwei Abbildungen von Fotografien des Künstlers Steven Solbrig mit dem Titel #1 und #2 Zwei Abbildungen von Fotografien des Künstlers Steven Solbrig mit dem Titel #1 und #2

Das Foto #1 zeigt eine Nahaufnahme von zwei Händen, die vor schwarzem Hintergrund fest miteinander verbunden sind. Wir sehen zwei Finger, zwei Daumen, zwei Knöchel, können aber nicht zwischen der linken oder rechten Hand unterscheiden. Die Haut ist von der Belastung, die Pose zu halten, gerötet, während Fingernägel, schwarze Härchen und die Linien in der Haut eine komplizierte Landschaft bilden. Das Foto #2 zeigt zwei Arme vor einem schwarzen Hintergrund, die vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen zu sehen sind und in der Mitte des Bildes stehen. Ein Arm streckt sich vom unteren Bildrand nach oben, die Hand ist gespreizt, die Handfläche zu uns gerichtet. Er ist hinter dem anderen Arm positioniert, die Haut an diesem Arm hat einen dunkelbraunen Ton. Es ist schwer zu sagen, ob er in einem Schatten liegt oder tatsächlich eine dunklere Hautfarbe hat. Der Arm vorne hat eine heller Farbe und ist mit kräftigen dunkelbraunen Haaren bedeckt. Die Hand an der Spitze ruht direkt unter der Hand dahinter und ist zu einer Faust geballt.
Steven Solbrig, Serie Unmatched Touch, #1 (2013), Foto auf Leinwand, #2 (2015), Foto auf Leinwand. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Steven Solbrig ist ein weißer genderfluider Künstler, der in der ehemaligen DDR geboren wurde. Solbrig engagiert sich als Fotograf, Moderator, Autor, Vortragsredner und Performer, stets mit einer aktivistischen Haltung. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat ein Erbe hinterlassen, das immer noch beeinflusst, wie körperliche Leistungen (und Körper) gemessen, kategorisiert und standardisiert werden, um die Idee der Normalität/Normalisierung zu erzwingen. In der Serie Unmatched Touch zeigt Solbrig, wie der queere, behinderte Körper sich einer solchen Normalisierung widersetzt.

Vernichtung

Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nazis die Macht in Deutschland. Bald darauf wurde die Eugenik zum Gesetz. Die Überzeugung des Eugenikers Ernst Haeckel, "Politik ist angewandte Biologie", wurde verwirklicht. Queers und Behinderte wurden zunehmend verfolgt. Einige queere und zahlreiche behinderte Menschen wurden zwangssterilisiert. Bis 1945 wurden etwa 400.000 Menschen auf der Grundlage von Entscheidungen von „Erbgesundheitsgerichten“ gegen ihren Willen sterilisiert. Kinder mit Behinderungen wurden registriert, in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ eingewiesen und oft nach medizinischen Experimenten durch eine Injektion oder durch Nahrungsentzug getötet. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die nationalsozialistische Regierung startete die Aktion T4 und einige Monate später begann der Massenmord von behinderten Menschen in Gaskammern. Auch nach der offiziellen Beendigung der Aktion T4 1941 ging das Morden mit Gas und anderen Methoden weiter. Behinderte Menschen wurden wie andere Gruppen als „lebensunwerte“ „unnütze Esser“ betrachtet, die das „Reich” schwächen.

Elizabeth Sweeney

Eine Abbildung eines Plakats der Künstlerin Elizabeth Sweeney in Form eines Dreiecks, dessen Spitze nach unten zeigt

Das Dreieck ist schwarz auf weißem Hintergrund. Ein Text in großen, weißen Großbuchstaben füllt die Innenseite des Dreiecks aus. Darin heißt es: „abnormal Alkoholiker*in arbeitsscheu abweichend asexuell alt Belastung arm betrunken blödsinnig dumm Drückeberger*in erbärmlich faul geisteskrank gestört hysterisch invalide Idiot Jungfer labil lahm Lesbe Missgeburt obdachlos Psycho Prostituierte senil Säufer*in Schmarotzer*in stumm zurückgeblieben ungewohnt untauglich unkontrollierbar" und dann nach einer Pause, "unnachgiebig".
Elizabeth Sweeney, Die Unnachgiebigen, [2014] 2022, Poster: Digitaldruck auf Papier. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Die bildende Künstlerin, Kunstforscherin und Kuratorin Elizabeth Sweeney ist neurodivers und queer. Akadischer Abstammung, ist sie im ländlichen Nova Scotia, Kanada, aufgewachsen. Über ihr dreiteiliges Projekt Unnachgiebig, das mit dem Schwarzen Winkel vor dem Museums beginnt, sagt Sweeney: „Viele von uns müssen immer noch gegen die gesellschaftlich akzeptierte Beschämung, Segregation und Verfolgung kämpfen.“ Der Schwarze Winkel, „ein Abzeichen, das von den Nationalsozialisten benutzt wurde, um eine große und vielfältige Gruppe von Menschen zu kennzeichnen, zu beschämen und zu verfolgen, versucht den Raum um das Schwule Museum einzunehmen und zurückzuerobern. Es ist ein Aufruf an alle, die mit diesen Markierungen leben, insbesondere an Menschen, die früher in diesem Viertel zu Hause waren und durch die Gentrifizierung verdrängt wurden.“ Die Kurator*innen hoffen, dass alle von uns, die an dem Schwarzen Winkel vorbei in die Ausstellung gehen, sich mit der Gemeinschaft des Schwarzen Winkels solidarisieren, frei von Scham und Stigma.

Hans Festeresens Briefe

Eine Collage aus verschiedenen Objekten von Hans Heinrich Festersen

Fotografien, Briefe und Dokumente von Hans Heinrich Festersen, Schwules Museum Berlin

Hören Sie Hier Auszüge aus Briefen von Hans Heinrich Festersen

Auszüge aus Briefen von Hans Heinrich Festersen, Eingesprochen von Hauke Heumann, 3:34, Schwules Museum Berlin

Ausschnitt aus den Briefen von Hans Heinrich Festersen aus der Haft in Berlin Plötzensee an seine Schwester Ruth Festersen. Er wurde am 12. Oktober 1942 verhaftet und in der Nacht zum 8. September 1943 hingerichtet.

Berlin Plötzensee, den 12. Februar 1943

Mein liebes Schwesterchen.

Herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen. Ich kann Deinen liebevollen Ermahnungen nur beipflichten. ...

Du hast mir neulich so schön vorgehalten, dass ich auch an meine Zukunft zu denken hätte! Dies habe ich getan indem ich mich mit der Absicht zu heiraten beschäftige! Wunderst Du Dich darüber? Man kann mir doch wohl eine gewisse Lebensberechtigung nicht absprechen. Da ich selbst keine grossen Ansprüche mehr stellen kann, hatte ich an eine leicht körperlich behinderte Klassenkameradin gedacht. Es ist dies ein Frl. Hanna [Karow?], an welche ich bereits geschrieben habe. Sie wird Dich wohl in nächster Zeit mal anrufen. Denn in Anstalten bin ich doch nun gerade lange genug umhergeirrt, und das ist ja auch kein Leben. ...

Die Erlaubnis zum Gottesdienst kann ich nicht bekommen, da ich hier noch Tatgenossen aus Lobetal habe, die wegen derselben Sache wie ich in Haft sind. ... Den 20. Februar bin ich schon 4 Monate hier, und immer noch kein [Gerichts-] Termin. Da heißt es eben weiter Geduld zu haben. Hoffentlich werden wir uns nun bald sehen. ... Für heute Schluss mit Gruss und Kuss. Dein Bruder Hansemann.

20. April 1943

Meine Liebe [Ruthel?]schwester,

Du hast mir ja wieder einen sehr lieben Brief geschrieben, sei nur nicht traurig, dass ich so sehr weinte, weisst Du solche Stimmungen kommen öfters mal über mich, ich bin eben doch nicht so ganz taktfest, mit meinen Nerven, wie Du vielleicht meinst. ... Selbstverständlich bin ich Gott dankbar, dass er mir in Dir eine so liebevolle Schwester gab, die mir in allen meinen Lebenslagen treu zur Seite steht. ...

22. Mai 1943

Meine liebe Ruth,

Heute erhielt ich Deine ausführliche Post, und Danke Dir herzlichst dafür. Nun habe ich Dir auch manches zu berichten:

1 Am 11. Mai war ich nun als Zeuge gegen [Hannemann?] geladen, ich sagte der Wahrheit gemäss aus, dass ich mit ihm nichts vorhatte, was er mir auch bestätigte. Er sagte nämlich, dass er mich nur 1x in Deinem Beisein besucht hatte. Denk Dir, er wurde nur zu 6 Monaten Gef. [ängnis], verurteilt. Übrigens habe ich jetzt ein neues Aktenzeichen. 86/509/11943, Landgericht Berlin.

2 Unserem Anstaltsarzt wurde ich mehrmals vorgestellt, ich sagte ihm, dass ich mein Knieleiden durch die Frühgeburt hätte. - Heute am 22.5. musste ich mich bei dem Medizinalrat Dr. Schmitt vorstellen. Er liess mich meinen Lebenslauf schreiben, und untersuchte mich genau. Am 25sten soll ich nochmals zu ihm kommen. Er sagte, dass die Entmannung vorläufig nicht nicht in Frage käme, und wenn, dann nur wegen meines sexuellen Triebes. ...

...

Zum 1. Juni wirst Du erst meinen Brief erhalten, der vor dem 25. wieder nicht abgehen wird, weil noch ein Sonntag dazwischen ist. … Für heute Schluss mit Gruss und Kuss von Herzen ganz Dein Bruder Hans!

Hans Heinrich Festersen (1907-1943) wurde bei den „Plötzenseer Blutnächten“ in der Nacht zum 8. September 1943 gehängt. Er lebte in den Hoffnungsthaler Anstalten in Lobetal, einer evangelischen Einrichtung für Arbeits- und Obdachlose. Wie viele andere wurde er von Verwandten dorthin geschickt oder von den Behörden wegen ihrer Behinderung oder wegen Verstößen gegen die Sittengesetze eingewiesen. Er wurde am 12. Oktober 1942 von der Polizei wegen Verstoßes gegen Paragraph 175 verhaftet und am 13. Juli 1943 nach dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ zum Tode verurteilt. Der Historiker Andreas Pretzel, der die Prozessunterlagen erforscht hat, kommt zu dem Schluss, dass "die Todesurteile auf die Vernichtung von angeblich lebensunwertem Leben abzielten", also weil sie als behindert galten. In der Sammlung des Schwulen Museums befindet sich ein kleines Konvolut von fünf Briefen von Festersen aus dem Gefängnis Plötzensee an seine Schwester Ruth Maria. Der älteste erhaltene Brief ist vom 14. Dezember 1942, der letzte vom 22. Mai 1943. Die Briefe wurden dem Schwulen Museum 2009 von seinem Neffen Peter Festersen übergeben. In einer daraus zusammengestellten Audio-Collage lassen wir Hans Heinrich Festersen zu Wort kommen.

Unsere Ikonen

„Die Werkzeuge des Meisters werden niemals das Haus des Meisters zerstören“, sagt Audre Lorde. Das Leben und die Arbeit von Lorde, Lorenza Böttner und Raimond Hoghe zeigen, wie wahr das ist. Sie gnutzen ihre queeren/behinderten Körper als Basis des Widerstands und der Transformation. Ihre Kunst fordert die Handlungsmacht zurück, die queeren und behinderten Menschen zu lange verweigert wurde, und nutzt ihre Erfahrungen und ihre Kreativität, um das, was von der Gesellschaft und der Kunst wertgeschätzt wird, neu zu gestalten. Sie stellen „Normen/Normalisierung“ in Frage, ja zertrümmern sie. Erinnern wir uns, dass erst einige Jahrzehnte zuvor ihre Werke als „entartet“ geächtet und sie selbst verfolgt und vielleicht sogar getötet worden wären. Heute jedoch gehören sie zu den heißgeliebte Ikonen und Mentor*innen für Generationen von queeren/behinderten Künstler*innen und Aktivist*innen.

Lorenza Böttner (1959-1994)

Eine Abbildung eines Plakats für die Ausstellung 'Lorenza Böttner: Requiem für die Norm' 2019 im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

Es zeigt ein leicht unscharfes Foto der Künstlerin Lorenza Böttner vor einem schwarzen, schattenhaften Hintergrund, das das gesamte Plakat ausfüllt. Wir werden von der oberen linken Ecke und dem Teil des Bildes angezogen, das am deutlichsten zu sehen ist, nämlich Böttners Augen mit hellblauem Lidschatten, die uns intensiv und verlockend anschauen. Den Körper hinunter sehen wir ihre flache, straffe Brust und etwas, das aussieht wie schwarze lockige Haare oder Tattoos, die aus der Spitze von Böttners zart-rosafarbenem Ganzkörper-Trikot aus Satin herausschauen. Ihre Arme ziehen sich an den Schultern in die Dunkelheit zurück und wandern weiter ihren Oberkörper hinunter, ihr rechter Oberschenkel zeigt nach rechts mit gebeugtem Unterschenkel unter ihr. Ihr linkes Bein beugt sich aufrecht an ihrer Hüfte, und ihr Knie ist gebeugt, ihr Unterschenkel lässig hinter ihren Kopf geworfen, wie ein provisorisches Kissen. Die schlanken Zehen sind auf der linken Seite ihres Kopfes zu sehen. Der Text des Titels der Ausstellung ist genau in der Mitte von Böttners gespreizten Beinen platziert, so dass er unseren Blick versperrt und uns dazu verleitet, unsere Vorstellungskraft zu nutzen, um das Detail zu schaffen, das wir nicht sehen können.
Lorenza Böttner, Poster, Ausstellung Requiem for the Norm, 2019. Mit freundlicher Genehmigung Kenny Fries

Lorenza Böttner wurde unter dem Namen Ernst Lorenz in einer deutschen Familie in Chile geboren. Im Alter von acht Jahren erlitt Böttner bei dem Versuch, ein auf elektrischen Hochleitungen gebautes Vogelnest zu retten, einen schweren Stromschlag und musste sich beide Arme amputieren lassen. Die Familie kehrte nach Deutschland zurück. Böttner setzte es gegen die gesellschaftlichen und medizinischen Erwartungen durch, an der Kunsthochschule in Kassel zum Studium angenommen zu werden. Zu dieser Zeit änderte sie ihren Namen zu Lorenza. Sie ließ sich von antiken Skulpturen inspirieren und stellte sich selbst als Venus von Milo dar, womit sie die Vorstellungen von Perfektion, Schönheit und Wert hinterfragte. Historisch gesehen wird die Kunst von der Hand dominiert. Böttner drehte dies um und gestaltete mit dem Fuß. Ihr Werk ist „ein Requiem für die Norm“, wie der Kurator Paul B. Preciado sagt. Sie starb 1994 an AIDS. Böttners Wiederentdeckung begann 2017 mit der Präsentation einer kleinen Auswahl ihrer Arbeiten bei der documenta 14. Heute ist sie eine internationale Ikone der queeren/behinderten Kunst mit einer von Preciado kuratierten Ausstellung, die gerade im Leslie-Lohman Museum in New York City zu sehen war.

Raimund Hoghe (1949-2021)

Ein Schwarz-Weiß-Foto des Performers Raimund Hoghe auf einer Theaterbühne

Das Foto zeigt Hoghe von seinen Schienbeinen aufwärts. Er trägt ein schwarzes Hemd, eine schwarze Anzugshose, eine schwarze Plastiksonnenbrille (möglicherweise Ray-Ban) und einen großen schwarz-weißen Hut aus Satin. Seine Beine sind zusammen gepresst, sein rechtes Bein leicht angehoben und auf das Knie gerichtet, seine linke Hand ruht knapp unter seiner Hüfte in seiner Hosentasche. In der rechten Hand hält er einen langen, schwarzen, eleganten Zigarettenhalter zwischen den Fingern, der genau auf der rechten Seite seines Mundes liegt. Er blickt stolz und trotzig ins Publikum, das Kinn hochgehalten.
Raimund Hoghe, Foto von Rosa Frank. Mit freundlicher Genehmigung von Rosa Frank

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Hoghe steht im Zentrum einer Theaterbühne. Er ist ein kleinwüchsiger Mann mit gebeugtem Rücken, schwarzen kurzen Haaren, der ein schwarzes Hemd, eine schwarze Hose und Anzug-Schuhe trägt. Er steht einem anderen größeren Mann in einem weißen T-Shirt und einer braunen Hose gegenüber. Drei Personen stehen mehrere Meter hinter ihnen vor dem schwarzen Bühnenvorhang. Eine andere Person bringt Stühle auf die Bühne. Hoghe und der andere Mann scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein und blicken sich in die Augen, während sie weiter zusammen tanzen. Ihre Hände liegen aufeinander, die Handflächen nach oben gerichtet. Hoghe hat seinen Körper nach vorne und über den anderen Mann gebeugt, der sich zurückbeugt. Während sich die Handflächen noch berühren, beugt sich der andere Mann nun über Hoghe. Die Kamera zoomt heran, während sie Rücken an Rücken stehen, die Hände gefaltet haben und diese Geste wiederholen. Zuerst lehnt sich Hoghe rückwärts über den Mann, dann der andere Mann rückwärts über Hoghe. Sie wiederholen dies, dann greift Hoghe über seine Schultern, nimmt die Hände des anderen Mannes in seine und beugt seinen Körper über seinen eigenen, bis er unter ihm auf dem Boden kauert. Als die Musik ein Crescendo erreicht, entfernt Hoghe seine Hände, so dass der Körper des anderen Mannes auf seinem eigenen balanciert ist. Er rollt den anderen Mann auf den Boden, verlässt die Bühne, kehrt dann mehrmals zurück, rennt und entfernt gleichzeitig schwarze Streifen vom Bühnenboden.
Raimund Hoghe, Auszug Schwanensee, 2008, Video: 2:46. Mit freundlicher Genehmigung der Numeridanse und des Nachlasses von Raimund Hoghe.

In dem Interview Danse Vulnerable sagt Raimund Hoghe mit Pier Paolo Pasolinis Worten, dass er 1989 beschlossen habe, „den Körper in den Kampf zu werfen“. Hoghe sagt, dass er als Autor für Die Zeit und als Dramaturg für Pina Bauschs Tanztheater in Wuppertal seinen Körper verstecken konnte, was er als Darsteller in seinen eigenen Theaterstücken nicht konnte. 1994 schuf er sein erstes Solo-Stück Meinwärts, inspiriert vom Leben des jüdischen Tenors Joseph Schmidt, der 1939 aus Deutschland geflohen war. In Meinwärts wie auch in vielen anderen seiner Performances setzt sich Hoghe mit Behinderung/Körper, dem Nationalsozialismus, HIV/AIDS und Migration auseinander. Er interpretierte zudem auch klassische Werke wie La Valse, Bolero und Schwanensee neu. Der*die multidisziplinäre Künstler*in Perel sagt: „Hoghes Präsenz verlangt mehr als nur Zuschauerschaft. Das Publikum soll nicht über seine Virtuosität staunen, sondern mit ihm die Entfaltung von Sprache, Bewegung und Klang erleben. Für Hoghe erzählen die Körper durch ihre physische Präsenz Geschichten.“

Audre Lorde (1934-1992)

Eine Abbildung eines Schwarz-Weiß-Fotos von Audre Lorde, die auf einem Podium steht und einen Vortrag hält

Lorde ist eine schwarze Frau mit kurzen lockigen Haaren, die eine Brille mit einem Metallrahmen und ein weißes Oversized-Hemd trägt und ernst schaut. Auf dem Podium sehen wir zwei Plakate nebeneinander, die für den Vortrag werben, den sie hält. Der Text ist auf Deutsch geschrieben, und daraus entnehmen wir, dass Lorde in Deutschland ist. Eine schwarze Frau in ihren 20ern oder 30ern sitzt links von Lorde, ihre Hand unter dem Kinn, während sie Lorde aufmerksam zuhört und beobachtet.
Audre Lorde bei einer Lesung in München, 1987, Foto von Elija Sydney Tourkazi


Ich muß gerade an die feministische Buchmesse in London denken, die in einem für Behinderte nicht zugänglichen Raum abgehalten wurde. Am Fuße der unüberwindlichen Stufen wurde eine Unterschriftenliste herumgereicht, auf der eine Beschwerde darüber zum Ausdruck kam. ... . Ich war sehr betroffen, daß sie von so vielen Frauen nicht unterschrieben wurde. ... Ich habe das beobachtet und mir überlegt, warum sie überhaupt an einer feministischen Buchmesse teilnehmen wollen. Was wollen sie hier herausfinden, wenn sie einen solchen Zusammenhang schon nicht sehen können? Das war eine Buchmesse, die für gehbehinderte Frauen nicht zugänglich war und sie sollten lediglich Stellung beziehen und ihren Namen hinschreiben. ... So etwas konnte nur passieren, weil keine behinderte Frau in der Vorbereitungsgruppe war und deshalb ist diese Frage einfach nicht aufgetaucht. Mir kommt es darauf an, daß wir unser Bewußtsein so erweitern, daß keine behinderte Frau und auch keine schwarze Frau dafür in der Vorbereitungsgruppe zu sein braucht. Es ist für uns alle wichtig, daß solche Veranstaltungen behinderten Frauen zugänglich gemacht werden und wir sollten dafür sorgen, daß sie in den Zeitschriften der schwarzen Frauen angekündigt werden.

Audre Lorde, Interview von Dania und Vera, 15.6.84, aus: Spinnboden (6), Berlin 1984, S. 4–5. Mit freundlicher Genehmigung des Spinnboden – Lesbenarchiv und Bibliothek

„Schwarze, Lesbe, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter“, so stellte sich Audre Lorde oft selbst vor. Von 1984 bis zu ihrem Tod im Jahre 1992 war sie häufig in Berlin und lehrte als Gastprofessorin an der Freien Universität. Sie war eine entscheidende Inspiration für die entstehende afrodeutsche Frauenbewegung. Lange bevor das Wort „Intersektionalität“ populär wurde, schärfte sie das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung und für ihre Verwobenheit und für die Kraft, die in gemeinsamen Kämpfen entsteht. Ihre Bücher Krebstagebuch (1980) und Lichtflut (1988) sind bis heute wegweisend für eine feministische Perspektive auf Körper (-normen) und Krankheit. Sie dokumentieren nicht nur Lordes Leben mit der Krankheit, die 1978 diagnostiziert wurde, sondern auch ihren Kampf für Selbstbestimmung und gegen die Pathologisierung: „Der Kampf gegen den Krebs bestimmt nun alle meine Tage, aber es ist nur eine andere Seite des fortgesetzten Kampfes um Selbstbestimmung, den Schwarze Frauen jeden Tag kämpfen, oft siegreich.“

Freak Out

Zwar gründeten sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erste Behindertenrechtsgruppen, aber seit den 1970er Jahren mobilisierten wie nie zuvor. Ihre Botschaft war, dass soziale Barrieren, sowohl physische als auch einstellungsbedingte, die Ursache für Behinderungen sind. Dies erinnert an Rosa von Praunheims ikonischen Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt (1971), der den Startschuss für die queere Emanzipationsbewegung in Westdeutschland gab. Inspiriert von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung übernahm die Behindertenrechtsbewegung die Strategien des zivilen Ungehorsams mit provokativen Aktionen, die klar machten, dass Behinderung kein individuelles Schicksal oder medizinisches Problem ist, sondern eine gesellschaftspolitische Angelegenheit. Indem wir "Krüppel" und sogar "Freak" als stolze Selbstbezeichnung zurückeroberten, gewannen wir auch unsere Handlungsmacht zurück. Es wurde viel erreicht, um gesellschaftliche Barrieren zu beseitigen und die kulturelle Repräsentation zu verbessern, aber es gibt noch viel zu tun, damit wir wirklich gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können. Also, keep freaking out!

Contergan-Skandal

Eine Abbildung eines Werbemittels des Pharmaunternehmens Grünenthal, ein Lesezeichen.

Zu lesen ist in schwarzer Schrift: "Mit den besten Wünschen für 1961!" Es wirbt für die Schlaftablette Contergan und ist ein etwa 4 Zentimeter langes und 2 Zentimeter breites Stück jetzt vergilbter Pappe, deren obere Kante wie ein Dreieck geschnitten ist.
„Mit den besten Wünschen!“, Werbemittel der Firma Grünenthal für das Schlafmittel Contergan, Grünenthal GmbH, 1960, Schwules Museum Berlin

Zwischen 1957 und 1961 wurde der Wirkstoff Thalidomid in Deutschland unter dem Namen Contergan als Schlaf- und Beruhigungsmittel von dem Pharmaunternehmen Grünenthal vermarktet. Weil es angeblich kaum Nebenwirkungen hatte und zudem gegen Übelkeit half, wurde es besonders für Schwangere empfohlen und war nicht verschreibungspflichtig. Nachdem sich seit Ende der 1950er Jahre Fälle von „Missbildungen“ bei Neugeborenen häuften, wurde der Zusammenhang mit dem Medikament nachgewiesen und das Mittel 1961 vom Markt genommen. Alleine in Deutschland wurden mindestens 4000 sogenannte „Contergan-Kinder“ geboren, von denen etwa 2800 überlebten. Dies geschah nur wenige Jahrzehnte, nachdem während des Nationalsozialismus Experimente mit Medikamenten durchgeführt wurden. Der Skandal erzeugte große mediale Aufmerksamkeit. Die Sichtbarkeit der betroffenen Kinder und der öffentliche Protest ihrer Eltern trugen dazu bei, Behinderung als gesellschaftliches Problem und nicht als tragisches Einzelschicksal wahrzunehmen. Der Kampf der Betroffenen um eine angemessene Entschädigung ist bis heute nicht abgeschlossen.

Verkehrt Gehörlos

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Gunter Trube von der Fotografin Barbara Stauss Eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Gunter Trube von der Fotografin Barbara Stauss Eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Gunter Trube von der Fotografin Barbara Stauss

Sie gehören zu einer Serie von Fotos im Quadratformat mit dem Titel „Die kommunizierende Linie“. Sie zeigen Trube wie er verschiedene Begriffe in Deutscher Gebärdensprache gebärdet.
Auf dem ersten Foto gebärdet er den Begriff „bellen“. Auf diesem Bild steht Trube vor einem schwarzen Hintergrund und trägt Schwarz, so dass nur sein Kopf zu sehen ist. Er hat dunkle Augenbrauen und ist kahlköpfig. Er ist in der Mitte des Bildes positioniert, aber die untere Hälfte seines Gesichts ist durch einen Ausbruch heller weißer Lichtpunkte verdeckt. Dieser Effekt wird als Light-Painting bezeichnet und entsteht durch die Verwendung kleiner Lampen in einem abgedunkelten Raum und eine lange Belichtungszeit der Kamera, um leuchtende Streifen aus weißem Licht zu erzeugen. In diesem Bild ist der Effekt ein leuchtender Strauß von Linien, die in der Luft schweben, direkt vor Gunters Mund und unter seinen staunenden Augen.
Auf dem zweiten Foto gebärdet er den Begriff „Dinosaurier". Auch auf diesem Bild steht Trube vor einem schwarzen Hintergrund und trägt Schwarz, so dass nur sein Kopf zu sehen ist. Er hat dunkle Augenbrauen und ist kahlköpfig. Er steht in der Mitte des Bildes und streckt seine Hände in einer Greifbewegung vor sich aus. Sein Gesicht ist zu einem grimmigen Grinsen verzerrt, die Zähne gefletscht, die Augen auf uns gerichtet. Aus seinen beiden Händen leuchtet Licht, und es scheint, als würde er es festhalten, versuchen, es zu beherrschen, während es in zwei unnachgiebigen Spiralen nach links und rechts davonfliegt.
Auf dem dritten Foto gebärdet er den Begriff „Großer Vogel“. Auch auf diesem Bild steht Trube vor einem schwarzen Hintergrund und trägt Schwarz, so dass nur sein Kopf und seine linke Hand zu sehen sind. Er hat dunkle Augenbrauen und ist kahlköpfig. Er steht in der Mitte des Bildes, die linke Hand ruht an seiner Seite. Während zwei Lichtfackeln am Rand des Bildes von unten nach oben tanzen und sich dabei krümmen, blickt uns Trubes Gesicht aus der Dunkelheit an, das Kinn leicht nach unten und links geneigt, mit misstrauischen, wütenden Augen, die zu uns aufblicken, und einem an den Rändern nach unten gezogenen Mund, der die Stirn runzelt.
Barbara Stauss, Die mitteilende Linie (Gunter Trube, Bellen, Dinosaurier, Grosser Vogel), Fotografie. Mit freundlicher Genehmigung Barbara Stauss

Gunter Trube (1960–2008) war legendärer Barkeeper in der Bar Kumpelnest 3000 in Berlin, Künstler, Gebärdenperformer und -poet und wichtiger Aktivist der Gehörlosen-Bewegung. Bereits in den 1980er Jahren gründete er mit dem Verein „verkehrt gehörlos“ die erste Organisation queerer Gehörloser in der Bundesrepublik. In Zusammenarbeit mit der Fotografin Barbara Stauss und einer Gruppe von Gehörlosen entwickelte Trube für die Deutsche AIDS Hilfe (DAH) eine Aufklärungsbroschüre für Gehörlose. Sie ist eine Pionierleistung. Trube trat auch als Gebärdenperformer auf. Im Rahmen des Projekts Hormone des Mannes performte er z.B. Anfang der 1990er Jahre Gedichte von Berliner Künstlerinnen.

Syrus Marcus Ware

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Das Video beginnt mit dem schwarzen Bildschirm, der in acht kleinere Bildschirme unterteilt ist, von denen einige abstrakte Bilder von statischen Fernsehbildschirmen zeigen. Andere zeigen dokumentarische Aufnahmen von Ereignissen wie Protesten. Langsam sehen wir unsere sechs schwarzen Protagonist*innen. Ein Mann um die 30 Jahre alt, eine Frau um die 20 Jahre alt, ein paar Leute um die 50 Jahre alt und ein Kind um die 4 Jahre alt erscheinen auf dem Bildschirm. Sie fragen: "Lesen Sie mich?" oder "Können Sie mich lesen?“. Dabei schauen und sprechen sie die Zuschauenden direkt an. Die Bilder wechseln zwischen Bildern von jedem einzelnen dieser Protagonist*innen und einem schwarzen Bildschirm, der in mehrere Bilder unterteilt ist, die Aufnahmen aus Nachrichtensendungen zeigen von Bränden, Krieg, Protesten sowie von den Protagonist*innen, die sich alle um die auf dem Boden liegende Kamera drängen.
Syrus Marcus Ware, Vorfahren, könnt ihr uns lesen? (Depeschen aus der Zukunft), 2019, multi-channel video: 3:16. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Syrus Marcus Ware erkundet die Rahmenbedingungen für soziale Gerechtigkeit und die Kultur des Schwarzen Aktivismus und arbeitet mit Malerei, Installation und Performance. Wares Mehrkanal-Video Vorfahren, könnt ihr uns lesen? (Depeschen aus der Zukunft) ist ein „imaginierter und inszenierter Dialog mit einer Zukunft jenseits der gegenwärtigen Epoche des gesellschaftlichen Todes der Schwarzen, der Unsicherheit, der allgegenwärtigen kapitalistischen Gier und der anhaltenden polizeilichen und staatlichen Gewalt“. Wares Arbeit gibt queeren/behinderten Menschen die geistigen Ressourcen, sowohl in der Gesellschaft als auch in unserem individuellen Leben Handlungsmacht zu finden.

 

Besuch planen

Bitte tragen Sie eine medizinische Gesichtsmaske beim Besuch der Ausstellungen und bei der Teilnahme an Veranstaltungen. Bei Führungen ist das Tragen einer Maske verpflichtend.

Laufzeit der Ausstellung

2.09.2022—30.01.2023

Adresse

Schwules Museum
Lützowstraße 73
10785 Berlin

Tickets

Bitte besuchen Sie unsere Informationsseite für Tickets und weitere Informationen.

Wir bieten Führungen durch die Ausstellung, Informationen finden Sie im Bereich Bildung.

Öffnungszeiten

  • Montag: 12–18 Uhr
  • Dienstag: Ruhetag
  • Mittwoch: 12–18 Uhr
  • Donnerstag: 12–20 Uhr
  • Freitag: 12–18 Uhr
  • Samstag: 14–19 Uhr
  • Sonntag: 14–18 Uhr

Feiertage: am 1.1., 24.12, 25.12. und 31.12., sowie an Dienstagen geschlossen

Zugangs­informationen

Das Tragen einer FFP2 Maske ist in der Ausstellung verpflichtend. Sollte dies aus Barrieregründen nicht möglich sein, informieren Sie uns bitte vor Ihrem Besuch.

Gebäude:

Weitere Information

Interpretation

Öffentliche Verkehrsmittel

Ausstellungs­veranstaltungen

Rückwärts und vorwärts:
Queering the Crip and Cripping the Queer*

6. Oktober, 20:00 Uhr

Ein Farbfoto von Carrie Sandahl.

Ein Foto von Carrie Sandahl, einer weißen Frau mit schulterlangem blondem Haar und einem grau, schwarz und rosa gemusterten Schal um den Hals. Carrie trägt eine Brille und lächelt.

Im Jahr 2003 entwickelte Sandahl das Verb "to crip", um die Affinitäten zwischen queeren und progressiven Behindertengemeinschaften zu untersuchen. Sie leitete das Konzept von dem Verb "to queer" ab, das in den 1980er und 1990er Jahren aufkam, um Repräsentationsstrategien zu beschreiben, die in queeren Gemeinschaften eingesetzt werden, um heterosexuelle Normen sichtbar zu machen und zu destabilisieren. Sie analysierte die Arbeiten von Solo-Performance-Künstler*innen, die sich als beides identifizierten, um die Ähnlichkeiten und entscheidenden Unterschiede zwischen der Sichtweise und Darstellung der Erfahrungen von Crips und Queers herauszuarbeiten. Seit 2003 hat sich die Verwendung von "to crip" oder "cripping" in akademischen und aktivistischen Kreisen durchgesetzt. Sandahl erzählt die Entstehungsgeschichte des Begriffs, die ihn in der gelebten Erfahrung von queeren und behinderten Menschen verankert und auf zukünftige Entwicklungen im Aktivismus, in der Kunst und in der Wissenschaft verweist.

Das Tragen einer FFP2 Maske ist in den Ausstellungshallen verpflichtend. Sollte das für Sie aus Barriere-Gründen nicht möglich sein, lassen sie es uns bitte vor Ihrem Besuch wissen. Das Event findet in englischer Lautsprache statt und wird in International Sign verdolmetscht. Das Event wird gestreamt, der Stream kann am Tag des Events auf unserem Youtube-Kanal aufgerufen werden: https://www.youtube.com/c/SchwulesMuseum.

Eintritt: 4€

Carrie Sandahl ist Professorin an der University of Illinois in Chicago im Department Behinderungen und menschliche Entwicklung. Sie ist Co-Leiterin von Bodies of Work in Chicago, einer Organisation, die die Entwicklung von Kunst und Kultur von Menschen mit Behinderungen unterstützt. Ihre Forschungen und kreativen Aktivitäten konzentrieren sich auf die Identität von Behinderten in Performance und Film. Zu Sandahls Veröffentlichungen gehört die von ihr mit herausgegebene Anthologie „Bodies in Commotion: Disability and Performance", die von der Association for Theatre in Higher Education mit einem Preis im Bereich Theaterpraxis und -pädagogik ausgezeichnet wurde (2006). Ihr kollaborativ produzierter Dokumentarfilm "Code of the Freaks", eine Kritik der Darstellung von Behinderung im Kino, wurde 2020 uraufgeführt.

* Der Titel dieses Vortrags ist eine Anspielung auf den Theaterkünstler und Wissenschaftler David Ball, der 1983 das Lehrbuch "Backwards and Forwards: Ein technisches Handbuch zum Lesen von Theaterstücken" publizierte. Balls Technik bietet eine Reihe von Werkzeugen, um zu verstehen, wie ein Stück funktioniert, indem seine Mechanik untersucht wird, bevor Bedeutung geschaffen wird. Sandahls Arbeit konzentriert sich darauf, wie Repräsentationstechniken von Queering und Cripping zusammenwirken, um neue Bedeutungen über die gelebte Erfahrung von Behinderung und Queerness zu schaffen.


Desire Lines and Death Loops

8. Oktober, 16:00 Uhr

Ein Farbfoto der multidisziplinären Künstlerin Perel.
Foto: Michael Bause Ein Foto der multidisziplinären Künstlerin Perel, die auf dem Boden sitzt und ein schnurloses Mikrofon in der rechten Hand hält und mit einem erhobenen Arm ihren silbernen Metallstock in der linken Hand hält. Perel trägt ein schwarzes kurzärmeliges Oberteil und einen schwarzen oberschenkellangen Rock.

Die multidisziplinäre Künstlerin Perel wird am 8. Oktober um 16 Uhr im Rahmen der Ausstellung "Queering the Crip, Cripping the Queer" im Schwulen Museum Berlin die Performance "Desire Lines and Death Loops" aufführen. Perel wird die Besucher*innen zu einer choreografierten Begegnung mit der queeren/behinderten Geschichte im Nationalsozialismus einladen, in einem Ritual, das queere/behinderte Ikonen würdigt: die Künstlerin Lorenza Böttner, den Performer und Choreografen Raimund Hoghe und die Schriftstellerin Audre Lorde sowie einige lebende Ikonen.

Das Tragen einer FFP2 Maske ist in den Ausstellungshallen verpflichtend. Sollte das für Sie aus Barriere-Gründen nicht möglich sein, lassen sie es uns bitte vor Ihrem Besuch wissen. Das Event findet in englischer Lautsprache statt und wird in Deutsche Gebärdensprache (DGS) verdolmetscht.

Eintritt: 9€, ermäßigt 3€

Perel ist ein*e multidisziplinäre Künstler*in, der*die sich mit Behinderung und Queerness in Bezug auf Pflege, Konsens, Sexualität und persönliche und historische Traumata beschäftigt. „Perel ist ein*e Meister*in des Timings, der Spannung, der Entspannung und der Intimität und erschafft damit einen Raum des Lernens und Verlernens". (Victoria DeJaco, Spike Magazine). Perel fragt: "Wie bewegen wir uns durch Raum und Zeit in Bezug auf unsere gesammelte Geschichten?" Perel tourt und unterrichtet international, als Universitätsdozent*in und Mentor*in für aufstrebende behinderte Künstler*innen in New York City und Berlin. Vor kurzem erhielt Perel das Disability Futures Fellowship (2020-2022) von den United States Artists und der Ford and Mellon Foundation.


Pink Splashes: Mit abolitionistischen Interventionen die Straßen queeren

23. November 2022, 19:00 Uhr

Ein Farbfoto der multidisziplinären Künstlerin Perel.
Mit freundlicher Genehmigung von CBC Ein Portait von Syrus Marcus Ware, sitzend und uns anlächelnd. Syrus hat braune Haut, einen kurzen Bart, und trägt auffallende, pinke Klamotten, eine Brille mit einem dicken, verzierten Rahmen, einem großen Silberohrring im linken Ohr, und hellbraunen/blonden Dreadlocks über der linken Schulter.

Syrus Marcus Ware untersucht in seinem Vortrag "Pink Splashes" die Aufstände des Jahres 2020 und die Interventionen von Schwarzen Queer- und Trans*-Aktivist_innen, die Kunst und Aktivismus zusammenbrachten, um für die Abschaffung des Gefängniskomplexes und ein Ende der Polizeigewalt und die Dekolonisierung im Norden von Turtle Island einzustehen (Turtle Island oder Schildkröteninsel ist der indigene Name für das Gebiet, das heute Nord- und Zentralamerika ist). Er betrachtet Kunstwerke, die als Reaktion auf diese Interventionen entstanden sind – sowohl Werke, die durch seine Praxis als auch durch die anderer Schwarzer Künstler_innen im Norden von Turtle Island entstanden sind.

Biografie

Dr. Syrus Marcus Ware ist Assistenzprofessor an der School of the Arts der McMaster Universität in Hamilton (Kanada), bildender Künstler, Aktivist, Kurator und Pädagoge und erforscht mit Malerei, Installationen und Performances soziale Gerechtigkeit und die Kultur Schwarzer Aktivist_innen. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in ganz Kanada und seine Performances bei lokalen und internationalen Festivals gezeigt. Er ist Teil des Performance Disability Art Collective und Mitbegründer von Black Lives Matter-Canada. Syrus ist Kurator der Ausstellung That’s So Gay und Ko-Kurator von Blackness Yes/Blockorama. Neben der Veröffentlichung einer Vielzahl von Zeitschriften und Artikeln ist Syrus Mitherausgeber des Bestsellers Until We Are Free: Reflections on Black Lives Matter in Canada (URP, 2020).

Eventinformationen

Das Event findet in englischer Lautsprache statt und wird in International Sign gedolmetscht. Das Tragen einer FFP2 Maske ist im Museum verpflichtend. Sollte das für Sie aus Barriere-Gründen nicht möglich sein, lassen sie es uns bitte vor Ihrem Besuch wissen.

Eintritt: 4€

Die Veranstaltung wird ohne Verdolmetschung in Gebärdensprache auf dem YouTube-Kanal des Schwulen Museums live gestreamt. Einige Tage nach der Veranstaltung steht das Video mit englischen Untertiteln zur Verfügung: https://www.youtube.com/c/SchwulesMuseum

Es gibt einen Sitzsack für Besucher*innen, dieser kann reserviert werden. Falls Sie bestimmte Anforderungen an die Sitzmöbel haben oder Sie aufgrund von sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen entspannter Ankommen wollen, kommen Sie gerne schon 20 Minuten bevor die Veranstaltung beginnt.


Queer, Crip Activism and the Arts: Nina Muehlemann und Steven Solbrig im Gespräch mit Kate Brehme.

3. Dezember 2022, 19:00 Uhr

Eine Collage, die Nina Muehlemann und Steven Solbrig zeigt.
Foto: Jean-Marc Thurmes; korn/antal Nina liegt auf einem silbernen Bett in der Mitte einer Bühne. Medusa befindet sich links, aufrecht sitzend und in das Mikrophon sprechend. Sie ist eine Weiße Person mit einem kurzen, runden Körper und langen welligen Locken mit blauen Strähnen. Ihre Augen funkeln grün. Sie trägt eine Harness und einen mit Schlangen bestrickten Body aus Spitze, der ihre milchige Haut zeigt. Sie trägt auch grau-blaue Schlangenhautleggings und silberne Socken. Im rechten Bildteil ist Steven Solbrig zu sehen. Steven hat kurze, grau-braune Haare und blickt auf den Boden.

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen diskutieren die queeren, behinderten Künstler*innen Nina Mühlemann und Steven Solbrig mit Kuratorin Kate Brehme queeren und crip Aktivismus in deutschsprachigen Kunstkontexten.

Nina Mühlemann (keine/sie) lebt in Zürich und ist Künstler*in und Theater- und Disabilitywissenschaftler*in. 2018 doktorierte Nina am King's College London in Disability Studies und Performance Studies. Aktuell arbeitet Nina im Forschungsprojekt „Ästhetiken des Im-Mobilien" an der Hochschule der Künste Bern und forscht zu im-/mobilen Tanz-und Theaterpraktiken von behinderten Künstler*innen. Von 2018-2019 war Nina künstlerische Co-Leiter*in der Future Clinic for Critical Care, einem soziokulturell animierten Theaterpraxisprojekt, mit Aufführungen in der Gessnerallee Zürich und am Impulstanz Festival Wien. 2020 gründete Nina zusammen mit Edwin Ramirez Criptonite, ein crip-queeres Theaterprojekt, das die Arbeit von behinderten Künstler*innen zentriert. Das aktuellste Stück von Criptonite, "Pleasure", feierte im Oktober 2022 in München Vorpremiere.

Steven Solbrig, weiß, genderfluid, queer, mit Behinderung, wuchs in der ehemaligen DDR auf. Anfang der 2000er Jahre absolvierte Steven eine Ausbildung in einer Behinderteneinrichtung, inklusive Internatsunterbringung. Steven fotografiert, lehrt, schreibt, und performt, u.a. zur Sichtbarkeit von (Kunst) mit Behinderung, aus der Perspektive der Disability Studies und dies mit aktivistischer Haltung.

Eventinformationen

Das Event findet in deutscher Lautsprache statt. Das Tragen einer FFP2 Maske ist im Museum verpflichtend. Sollte das für Sie aus Barriere-Gründen nicht möglich sein, lassen sie es uns bitte vor Ihrem Besuch wissen.

Eintritt: 4€

Die Veranstaltung wird auf dem YouTube-Kanal des Schwulen Museums live gestreamt. Einige Tage nach der Veranstaltung steht das Video mit deutschen Untertiteln zur Verfügung: https://www.youtube.com/c/SchwulesMuseum

Es gibt einen Sitzsack für Besucher*innen, dieser kann reserviert werden. Falls Sie bestimmte Anforderungen an die Sitzmöbel haben oder Sie aufgrund von sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen entspannter Ankommen wollen, kommen Sie gerne schon 20 Minuten bevor die Veranstaltung beginnt.


Andere Veranstaltungen

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